Mein Leben in Solla

Bald zwei Monate bin ich jetzt schon in Solla und es wird mal wieder höchste Zeit, dass ich von mir hören lasse. Ich wohne hier in der Pfarrei mit dem Vikar Bernard und der Köchin Joséphine zusammen, der Pfarrer Ronald Kudla ist noch in Deutschland unterwegs und wird in einer Woche zurück nach Togo kommen. Ich werde versuchen, ein bisschen meinen Tagesablauf zu beschreiben, weil ich viel danach gefragwurde. Morgens stehe ich gegen um 6 auf und freue mich darüber ein Bad und eine richtige Dusche zu haben. Alle anderen im Dorf haben einen abgetrennten Bereich auf dem Hof und einen Eimer um sich zu duschen. Das Wasser muss jedes Mal erst vom Brunnen geholt werden. Das hält sie aber nicht davon ab, sich mindestens dreimal täglich zu duschen. Nach jeder Aktivität wie auf dem Feld arbeiten oder auf den Markt gehen oder zur Schule gehen wird erst einmal eine Eimerdusche genommen. Zum Frühstück gibt es bei uns Brot oder „la bouille“, was so ähnlich wie flüssiger Milchreis ist. Es werden hier aber auch oft Reis oder Bohnen zum Frühstück gegessen, um gestärkt für den Tag zu sein. Danach geht jeder seinen Aktivitäten nach. Für mich ist das meistens mit dem Fahrrad zur Schule fahren und Deutschunterricht geben. Für den Weg muss ich immer etwas mehr Zeit einplanen, weil mit jeder Person, die ich treffe, ein bisschen geplaudert wird. Nach dem Mittagessen wird immer eine Mittagsruhe gemacht und danach habe ich auch oft noch Unterricht. Ansonsten findet sich immer etwas zu tun oder jemand zum Reden. Gegen Abend helfe ich oft in der Küche. Es gibt entweder Reis, Nudeln oder eins der beiden togolesischen Grundnahrungsmitteln: „la patte“ (fester Maisbrei) oder „Fufu“ (gestampfter Jams). Das Jams-stampfen ist immer harte Arbeit. Ungefähr 20 Minuten lang werden die gekochten Jamsstücke von zwei Personen mit vollem Körpereinsatz gestampft. Ich bin immer schon nach 5 Minuten geschafft und habe Blasen an den Händen. Die Gerichte werden teils auf dem Gasherd und teils auf dem Feuer zubereitet und die Wäsche muss mit der Hand gewaschen werden. Es wird einfach mit den Händen und ohne Maschinen gemacht. Das klint vielleicht alles sehr fremd, aber für mich ist es schon lange zur Normalität geworden und es fühl sich an, als wäre ich schon immer hier. Jeden Dienstag ist in Solla Markttag und bis in die Nacht hinein werden alle möglichen Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Schmuck und natürlich das traditionelle Tchouk-Bier verkauft. Besonders nach 18 Uhr, wenn die Sonne untergegangen ist, ist das sehr spannend. Der Markt wird dann vom Mond und von sehr vielen Taschenlampen beleuchtet. Die Wochenenden sind immer sehr gesellig. Viele Jugendliche kommen zur Pfarrei um sich dort zu treffen und ich bin nie allein. Wir sitzen beisammen und es wird viel geredet und gelacht.

Mit der Zeit wird mir aber auch immer klarer, wie arm die Gegend hier eigentlich ist. Das wird besonders am Beispiel der Schule deutlich. Ich unterrichte an einem Lycée, also die drei Klassen vor dem Abitur. Es gibt kein richtiges Gebäude, sondern drei Baracken zwischen Maisfeldern, für jede Klasse eine. Die Schüler werden also von allem was rundherum passiert abgelenkt. Wenn es ein bisschen windig ist, fliegen die Hefte weg und das Wellblechdach knarrt. Letzte Woche wurde das abgeerntete Maisfeld nebenan abgebrannt um ein neues Feld zu machen und der ganze Qualm ist in die Klassenzimmer geweht. Die meisten Schüler haben das Schulgeld noch nicht bezahlt und haben von dem Direktor einen Aufschub bekommen. Sie haben die ganzen Ferien gearbeitet um weiter in die Schule gehen zu können, aber es ist immer noch zu teuer. Die Abiturklasse muss über 30 000 FCFA bezahlen. Zum Vergleich: für 300 kann man sich auf dem Markt gut satt essen. Da ist es klar, dass das Geld nicht auch noch für Bücher reicht. Es sind noch nicht einmal für alle Fächer Lehrer da, weil kein Geld da ist um sie zu bezahlen. Und in der Abiturprüfung müssen die Schüler genauso die alle Daten des Zweiten Weltkriegs auswendig können wie ein deutscher Schüler. All diese Probleme machen sich in der Größe der Klassen bemerkbar. In der Seconde (2 Jahre vor dem Abi) sind über 50 Schüler (12 Mädchen). In der Première (1 Jahr vor dem Abi) sind nur noch 38 Schüler (davon 6 Mädchen) und in der Abiturklasse sind 23 Jungen und 3 Mädchen. Den Umständen zum Trotz haben die Schüler eine unglaubliche Lust zu lernen. Wenn ich eine Frage stelle kann ich mich gar nicht vor Antworten retten und lange Wiederholungen sind unnötig, da alle zu Hause schon wiederholt und geübt haben. In den ersten zwei Schulwochen gab es noch keinen Deutschlehrer und ich musste mich allein irgendwie in diesen Umständen zurechtfinden. Noch dazu hatte ich keine Ahnung, was ich unterrichte sollte, weil ich keinen Lehrplan hatte. Zum Glück ist jetzt ein Aushilfslehrer für Deutsch da, mit dem ich gemeinsam unterrichten kann.

Ab und zu kommen Leute auf mich zu und fragen, ob ich ihnen nicht ein bisschen Geld geben kann. Sie müssen das Schulgeld oder Bücher oder Medikamente bezahlen. Ich kenne alle die mich fragen relativ gut und weiß, dass sie keine Eltern haben die sie unterstützen und dass sie viel gearbeitet haben, aber das Geld reicht trotzdem nicht aus. Ich schaffe es meistens nicht, nein zu sagen, obwohl ich auf keinen Fall den weißen Geldautomat spielen will. Es ist nicht einfach, mit solchen Situationen umzugehen und ich selbst leide darunter, wenn ich sehe, dass die Schüler mittags nichts essen um das Geld zu sparen. Ich werde auch immer wieder gefragt, ob ich nicht jemanden in Deutschland kenne, der in irgendeiner Weise Kontakt mit jemandem hier aufnehmen möchte. Manche Schüler möchten nur einen deutschen Brieffreund haben, um die Sprache zu üben und sich auszutauschen. Andere wünschen sich eine Patenfamilie, die sie vor allem am Anfang jedes Schuljahres oder im Krankheitsfall finanziell etwas unterstützen könnte. Wieder andere brauchen einfach nur eine einmalige Unterstützung, um ihr eigenes Gewerbe, so wie einen Imbiss oder eine Schneiderwerkstatt, aufbauen zu können. Falls ein Leser dieses Beitrags sich so etwas vorstellen könnte, würde ich mich über eine Nachricht freuen.

Ich arbeite auch mit dem Sozialarbeiter des Kantons zusammen und unterstütze ihn bei einigen Aktivitäten. Wir haben z.B. gemeinsam Lebensmittelkarten für Mütter von unterernährten Kindern in den umliegenden Dörfern verteilt. Mit diesen Karten haben die Frauen die Möglichkeit, von der Regierung bereitgestelltes Geld zu bekommen um ihren Kindern eine gute Mahlzeit bezahlen zu können. Theoretisch klingt das sehr gut, aber praktisch gibt es doch einige Probleme. Die Dörfer sind sehr abgelegen und weitläufig. Es führen nur zugewachsene Trampelpfade zu den einzelnen Häusern. Viele von den Frauen waren nicht informiert oder haben die Wichtigkeit nicht verstanden und wir konnten ihnen die Karten nicht übergeben. Einige sind auch nach Nigeria ausgewandert um dort zu arbeiten. Es wird versprochen, dass sie dort mehr Geld verdienen, aber oft werden sie ausgenbeutet und vor allem für die Kinder sind die Lebensbedingungen sehr schlecht. Die zehn anwesenden Mütter wurden aufgefordert, den Empfang der Karte mit einer Unterschrift zu bestätigen. Es konnte nur eine Einzige schreiben und die hat sich geweigert, weil sie vergessen hat, wie es geht. Die Menschen in diesen Dörfern leben doch sehr anders als die in den Städten. Außerdem helfe ich dem Sozialarbeiter dabei, eine Diskussionsrunde zu organisieren. Es soll um die Rolle von Mädchen und Frauen in den Bereichen der Wissenschaft und Technologie gehen. Es werden Schülerinnen, Lehrer, Soziologen, traditionelle Chefs und Repräsentanten der Regierung eingeladen. Aber auch so diskutiere ich oft mit den jungen Leuten über Themen wie die Entwicklung Afrikas oder den Ausgleich zwischen den alten Traditionen und dem Fortschritt. So schaffe ich es immer besser, das Leben in Togo kennenzulernen und zu verstehen und ich hoffe, dass es das ganze Jahr lang so interessant weitergeht.

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4 Gedanken zu „Mein Leben in Solla

  1. Liebe Luise,
    ich habe den neuen Eintrag gelesen und bin beeindruckt von deinem Wirken und betroffen von den Umständen.
    Zwar wusste ich schon einiges von Pater Pflüger, dem ehem. Direktor des Benno, der Jahre im Sudan und in Uganda, vor allem für Mädchen-Schulen gearbeitet hat, aber deine Darstellungen vermitteln sehr konkrete Umstände.
    Quoi faire?
    Wenn RoRo-Leute oder ich Geld geben möchten, wie kriegen wir es in die richtigen Hände?
    Würden denn auch Schulbücher helfen?
    Wenn ja, welche? Deutsch, Französisch, Geschichte in Französisch, Englisch?
    Wir haben da einiges übrig.
    Der Versand wäre teuer, aber ich könnte den Förderverein fragen.
    Ich wünsch‘ dir weiter viel Kraft, Mut und Geduld sowie Freude an den Dingen des Lebens.
    Freundlich
    A. Hoffmann

  2. Hallo Luise,
    es ist sehr schön von dir und eurem Leben in Solla dem abgeschiedenen Dorf zu erfahren. Sicher wirst du diese Lebensumstände und die Freundlichkeit der Menschen dein ganzes Leben nicht lang nicht vergessen. Am liebsten möchten wir dabei sein. Von Togo habe ich immer nur im Fernsehen, zum Beispiel bei der Olympiade, etwas gehört. Aber du bist dort mitten im Leben.
    Wenn wir dir helfen können, bitte lass es uns wissen. Frank und Evi Claussen

  3. Liebe Luise,
    der 1. Advent motiviert mich, dir ein paar Zeilen zu schreiben.
    Sicher werden in „deiner“ paroisse die Rituale anders sein, aber die Zeit des Erwartens, das Hoffen auf die Ankunft und die Vorfreude auf beseeligende Tage dürften gut tun.
    In Dresden ist es kalt geworden; Wohnungen, die Stadt und deine alte Schule schmücken sich mit Grün und Licht. Die Schulensembles proben Weihnachtliches.
    Während du Jams stampfst, werden hier Plätzchen ausgestochen.
    Auch wenn man lange nichts von dir lesen konnte, so hoffe ich, dass es dir gut geht und dein Wirken hilft.
    Freundlich und herzlich
    Alfred Hoffmann

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