Normalitäten in Togo

Normalität in Togo

Solla, das Dorf wo ich wohne, liegt in einer sehr ländlichen Gegend und ist von Mais-, Reis-, Jams-, Bohnen-, Sorgho- und Sojafeldern umgeben. Es ist gerade Erntezeit und alle sind auf den Feldern beschäftigt. Bei der Arbeit ist eine Hacke das einzige Hilfsmittel. Der Rest wird mit der Hand gemacht. Um nicht der Mittagssonne ausgeliefert zu sein, geht es meistens schon gegen 4 Uhr morgens los. Nach stundenlanger Arbeit wird die Ernte dann von den Frauen auf dem Kopf nach Hause transportiert um sie dort weiter zu verarbeiten. Die Wege sind oft lang und die Last ist schwer. Um alles zu transportieren müssen immer mehrere Touren gemacht werden.

Ich frage mich manchmal, wo die Menschen die Kraft hernehmen, den ganzen Tag so schwer zu arbeiten. Mir ist erst hier klargeworden, wieviel Arbeit in einer einzigen Mahlzeit steckt. Zum Beispiel für das Standartessen „pâte“ muss erst der Mais angebaut werden und das Feld muss ständig kontrolliert werden. Dann wird jeder Maiskolben per Hand geerntet und in großen Säcken und Gefäßen auf dem Kopf nach Hause getragen. Dort muss er getrocknet werden, wobei man aufpassen muss, dass die freilaufenden Hühner nicht alles auffressen. Nach dem Trocknen werden per Hand die Maiskörner vom Kolben abgemacht. Die Körner werden dann zur Mühle gebracht und mit dem Maismehl wird dann schließlich in einem großen Kessel unter ständigem Rühren die „pâte“ zubereitet, was auch eine sehr anstrengende Aufgabe ist. Dafür macht das Essen dann umso mehr Spaß.

Es gehören aber auch Dinge zur togolesischen Normalität, die für mich nicht so normal sind. Ich denke, nach drei Monaten wird es Zeit, auch etwas darüber zu schreiben, was für mich hier ungewohnt und auch etwas befremdlich sind.

Das sind vor allem die Zeremonien der verschiedenen Ethnien. Jeder muss im Laufe seines Lebens mehrere Zeremonien durchlaufen um in eine höhere Altersgruppe aufgenommen zu werden und den gebührenden Respekt zu bekommen. Viele von den Zeremonien sind geheim und es wird nicht darüber gesprochen. Nur die, die es erlebt haben, wissen, was dabei passiert. Ich persönlich kann mir sehr schwer vorstellen, was bei so einer Zeremonie passiert. Ich weiß, dass es viel mit Tänzen und Musik zu tun hat, aber auch mit Opfergaben für die Ahnen. Einige der Zeremonien sind jedoch öffentlich und man kann zuschauen. Die Ethnie der „Solla“ führt dieses Jahr leider nicht so ein Fest durch, aber ich hatte schon die Gelegenheit, eine Zeremonie eines anderen Volkes zu sehen, die man „Hiling“ nennt. Dabei geht es darum, dass die Jungen zwischen 10 und 25 Jahren ihren Mut und ihre Stärke beweisen. Jeder Teilnehmer schmückt sich mit Federn, bunten Erdnussketten, Fellen und Rasseln an den Füßen. Die Zuschauer bilden einen Kreis und trommeln und singen. Die Teilnehmer werden dann von ihrem persönlichen „Führer“ singend herumgeführt und es wird ein möglichst gleichstarker Gegner ausgesucht. Dann beginnt die Mutprobe: mit einer großen Peitsch schlägt einer der Beiden den anderen, der sich mit einem Stock schützen kann. Danach ist der andere dran, der möglichst mit der gleichen Kraft den anderen schlagen kann. Das geht so lange, bis die beiden „Führer“ einen nächsten Gegner suchen. Zwischendurch laufen immer wieder Mädchen herum, um die Teilnehmer mit Babypulver zu bestreuen. Warum konnte mir keiner so richtig erklären, das gehört einfach dazu. Das alles ist ein großes Fest und alle trinken viel von dem traditionellen Bier „Tchukutu“.

Etwas anderes, was für mich sehr ungewohnt ist, ist der Glaube an Hexen, Geister und Magier. Wenn jemand krank ist, geht er nicht ins Krankenhaus, sondern zu einem traditionelle Heiler, der dann so etwas wir unsichtbare vergiftete Schlangen im Bauch diagnostiziert, die ein Feind der Familie da hineingezaubert hat. Vor allem wird daran geglaubt, dass viele ihre übernatürlichen Kräfte benutzen, um Böses zu tun. Wenn ein junger Mensch stirbt wird oft nach demjenigen gesucht, der ihn mit seinen Kräften getötet hat. Um das herauszubekommen gibt es Hellseher. Der kann dann auch irgendwelche Produkte oder Zauber vorschlagen, mit deren Hilfe man sich dann rächen kann. Mir werden auch immer wieder Geschichten von solchen Zaubern erzählt. Ein Mädchen soll sich angeblich wegen einem Liebestrank von ihren Freund getrennt und einen anderen Mann geheiratet haben, den sie vorher gehasst hat. Nachdem die Wirkung nachgelassen hatte, hat sie ihn wieder verlassen. Eine andere Geschichte ist, dass ein Dieb auf frischer Tat ertappt wurde. Als die Polizei ihn umzingelt hatte um ihn festzunehmen, hat er sich in Luft aufgelöst und ist kurz danach in einer anderen Stadt wieder aufgetaucht. Es soll angeblich auch Menschen geben, die magische Schlangen besitzen, die einmal im Monat einen Menschen fressen müssen, sonst zerstören sie die ganze Familie ihres Besitzers. Ich bin immer wieder überrascht, dass fast alle daran glauben und viele erzählen, dass sie so etwas mit eigenen Augen gesehen haben. Sie sagen, ich kann das nicht verstehen, weil den „Weißen“ das Gespür für solche Kräfte und Zusammenhänge fehlt. Natürlich sind es längst nicht alle, die so stark daran glauben und die Zauber durchführen. Vor allem die Jüngeren zweifeln viel an den traditionellen Heil- und Rachemethoden. Ein Student hat mir letztens gesagt: „In Afrika wird viel zu viel geglaubt. Man verschwendet seine Zeit, um irgendwelche eingebildeten Geister abzuwehren, anstatt etwas Sinnvolles zu machen. Aber das ist einfach unsere Kultur“. Ich bitte auch darum, meine Beschreibung nicht für die absolute Wahrheit zu nehmen. Dadurch, dass ich „weiß“ bin und auch noch mit zwei Pfarrern zusammenlebe, bekomme ich von all dem nicht sehr viel mit. Aber das, was mir erzählt wird, überrascht mich immer wieder. Wenn ich sage, dass es in Europa keine Hexen gibt, wird mir immer wieder widersprochen. Die Menschen hier erklären den Unterschied so: in Afrika werden die Kräfte dafür genutzt, anderen Schaden zuzufügen. In Europa werden die Kräfte für die Weiterentwicklung der Wissenschaft und der Technik genutzt. Wie sonst schaffen es die „Weißen“, so viele geniale Dinge zu entwickeln und zu entdecken, die es vorher noch nicht gab? Wie soll jemand herausgefunden haben, wie man mit elektrischem Strom Licht erzeugen kann, wenn nicht mit einem bestimmten Hellseherblick?

Es gibt hier in der Gegend giftige Schlangen und Skorpione. Um sich davor zu schützen, werden nach der Ernte die Felder abgebrannt und vor allem das mannshohe Savannengras wird verbrannt, um neue Ackerfläche zu bekommen und sich besser vor den Tieren zu schützen. Das Dorf Solla liegt am Fuße einer Bergkette und gestern Abend wurde ein Feld auf dem Berg angezündet. Weil man das Feuer aber so schlecht kontrollieren kann, stand nach einer Weile der ganze Berg in Flammen und es sah aus, als wäre ein Vulkan ausgebrochen. Es war gleichzeitig faszinierend und beängstigend.

In solchen Momente, die hier zum Alltag gehören, fühle ich mich auch nach über drei Monaten noch sehr fremd. In anderen Momenten aber fühle ich mich, als würde ich schon immer hier leben. Wenn ich morgens mit dem Fahrrad zur Schule fahre oder Freunde besuchen gehe, denke ich mir manchmal, dass ich hier wirklich angekommen bin. Ich habe sogar einen Namen auf Solla: „Uyɔbɛ kpére sɔnɛ“. Das heißt so viel wie: hübsches Mädchen, dass in Solla wohnt. Ich hab eine ganze Weile gebraucht, um mir das merken zu können, aber ich freue mich immer, wenn mich jemand so anspricht.

Ich bin schon gespannt, wie hier Weihnachten und Silvester gefeiert wird und ich werde auf jeden Fall davon berichten.

 

 

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Ein Gedanke zu „Normalitäten in Togo

  1. Herzliche Grüße und beste Wünsche für ein gutes und gesundes neues Jahr.
    Auf dass dem „hübschen Mädchen, das in Solla wohnt“, ihre Arbeit und ihr Leben dort gelingt.
    Ich habe die Ausführungen zum normalen Leben, zu Hexen und Ritualen usw. natürlich wieder mit Interesse gelesen.
    Alfred Hoffmann

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