Veränderungen

Keine Nachrichten sind ja bekanntlich gute Nachrichten und genau das trifft auch in meinem Fall zu. Ich war in den letzten Wochen viel beschäftigt und viel unterwegs, sodass ich erst jetzt zum Schreiben komme. Da seit meinem letzten Bericht so viel Zeit vergangen ist, ist mir klar geworden, wie sich hier mit der Zeit alle verändert. Das Wetter verändert sich und somit auch die Natur und die Aktivitäten der Menschen. Die Vorstellung, dass es in Afrika immer heiß und trocken ist, habe ich spätestens verworfen, als ich das erste Mal klitschnass geregnet wurde und die erste Nacht vor Kälte nicht schlafen konnte. Als ich ankam war hier alles grün und wie verrückt am Wachsen. Es regnete fast jeden Tag und einige der Straßen waren durch den Schlamm unpassierbar. Bald musste ich mich des Öfteren durch hohe Maisfelder oder das grüne Savannengras schlagen, wenn ich einen etwas weniger begangenen Pfad benutzen wollte. Da sowohl Gras als auch Mais größer waren als ich, habe ich mich mehr als einmal etwas darin verlaufen. Mit der Zeit wurde alles trocken und aus grün wurde ockerfarben. Viele der Bäume verloren ihre Blätter und die Erntezeit begann. Die Regenschauer wurden kürzer und hörten ganz auf. Der Harmattan-Wind begann heiße Saharaluft anzuwehen und alles verschwand unter einer Staubschicht. Die Nächte und vor allem die Morgen wurden kalt und wer nicht unbedingt musste ging nicht vor 8 aus dem Haus. Als der meiste Mais geerntet war, begannen die Buschfeuer. Die Leute verbrannten die abgeernteten Felder und die unbestellten Grasflächen. Das wird zum einen als Schutz vor Schlangen und anderen unangenehmen kleinen Tieren gemacht und zum anderen wird so verhindert, dass in der späten Trockenzeit die Feuer unkontrollierbar werden. Zu dem Staub in der Luft mischte sich also auch noch Asche, was es unmöglich machte, sauber zu bleiben. Zu den vielen verschiedenen Ockertönen mischte sich das schwarz der verbrannten Felder. Seit einiger Zeit hat der Wind wieder aufgehört, die Nächte sind nicht mehr kalt und die große Hitzezeit hat begonnen. Wenn schon morgens 38°C im Schatten sind, ist es nicht immer einfach sich zu motivieren etwas zu machen. Viele der Menschen hier schlafen jetzt im Freien, weil es in den Zimmern zu warm ist. Dazu kommt ein anderes Problem: das Wasser ist alle. Letztes Jahr hat es nicht genug geregnet und einige Brunnen sind schon lange leer, obwohl es erst Ende Juni wieder regnen wird. Auch die Pumpen erreichen kein Wasser mehr und die Flüsse sind zu dreckig, um daraus zu trinken. Alle gehen also sehr sparsam mit dem Wasser um. Die Landschaft ist jetzt relativ karg, die Felder sind abgebrannt und es wächst erst einmal nichts Neues. Nur die riesigen Mangobäume sind noch grün und schön und werden uns bald Unmengen von Mangos liefern. Weil die Leute jetzt relativ viel Zeit haben (auf den Feldern ist nichts zu tun) wird viel gebaut. Die Straßen werden ausgebessert, Häuser werden gebaut und Brunnen gegraben.

Ich bin immer noch jeden Tag, obwohl es dort in letzter Zeit etwas problematisch geworden ist. Seit über zwei Monaten streiken die Lehrer. Das heißt, um die Schüler nicht ganz hängen zu lassen, geben sie einem Schüler ihre Aufzeichnungen und der liest das dann vor. Die Lehrer betreten aber die Klassenräume nicht. Das spiegelt sich schmerzlich in den Leistungen der Schüler wieder. Vor einer Woche gab es Zeugnisse und die sind sehr schlecht ausgefallen. Wenn das das Jahresabschlusszeugnis wäre, hätte aus der Abiturklasse kein einziger Schüler bestanden und in der Klasse darunter ein einziger von 39. Ich weiß nicht, wie das ausgehen soll.

Der lange Lehrerstreik liegt an den bevorstehenden Wahlen. Die Lehrer hoffen, dass der jetzige Präsident Faure Gnassingbé ihnen mehr Gehalt zugesteht, um sich beliebt zu machen. Seine Amtszeit ist schon seit einiger Zeit abgelaufen, aber er verschiebt die Wahlen immer weiter nach hinten. Er möchte gut vorbereitet sein. Bei dem was ich mitbekomme besteht seine Vorbereitung darin, der Bevölkerung Geschenke zu machen. In Solla wird es bald solarbetriebene Straßenlaternen geben. Die Bevölkerung hat sich heftig dagegen gewehrt. Es wird gesagt, wenn es einmal so ein Projekt gibt, wird danach gesagt werden, dass schon genug für Solla getan wurde und es keine Stromanbindung mehr gibt. Die Menschen wollen aber Strom und Licht in den Zimmern, nicht auf der Straße. Da ist nachts eh keiner. Die Meinung der Mehrheit der Bevölkerung ist also, dass das ein sinnloses Geschenk ist, um sie zu täuschen und zu beruhigen. Trotzdem sind sie es, die die Löcher dafür graben, denn ein Geschenk von der Regierung kann man nicht ablehnen.

Es werden auch Straßen gebaut und für Schulen gespendet. Das ist an sich eine gute Sache, nur sollte es die ganze Amtszeit so sein und nicht nur zwei Monate vor den Wahlen. Viereinhalb Jahre lang wurde nichts für die Bevölkerung getan und jetzt fängt der Präsident an, damit alle denken, er sollte wieder gewählt werden. Er hat die Bevölkerung die ganze Zeit hungern lassen, um sie jetzt zu füttern, damit sie ihn liebt. Das sagen zumindest viele der jungen Leute, mit denen ich darüber rede. Trotzdem werden viele hier im Norden den Präsidenten wieder wählen, weil er aus dem Norden Togos kommt. Es gibt Spannungen zwischen Nord und Süd und wenn der Präsident aus dem Süden wäre, würde er den Norden vergessen oder sich sogar an ihm rächen, weil er unter dem jetzigen Präsidenten mehr profitiert als der Süden. Politisch ist also gerade einiges los in Togo. Die Wahlen sind erst einmal für den 25.05. angesetzt, wer weiß wie es weitergeht.

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Ein Gedanke zu „Veränderungen

  1. Diesmal habe auch ich einige Zeit für eine Notiz gebraucht, obwohl mich deine letzten Ausführungen wieder sehr interessiert haben. Du lieferst uns ein sehr facettenreiches Bild deines Lebens dort und des Lebens in Togo überhaupt.
    Mich hatte unser 100. Schuljubiläum sehr beansprucht. Es waren stimmungsvolle, abwechslungsreiche und würdige Schulfesttage. Am 18.4. zur Begegnung der Generationen kamen über 1000 Leute! Am 2.Juli wird es noch ein Sommerfest geben.
    Seit Ende Juni ist Abiturzeit und ich habe zu korrigieren und dann auch noch mündliche Prüfungen.
    Aber wir haben ja Strom und Wasser und überhaupt alles. Kein Vergleich.
    Schade nur für dich, dass du in der Schule nicht mehr leisten kannst.
    Ich drücke jedenfalls weiter die Daumen für alle deine Vorhaben und wünsche Gesundheit und Freude an den Dingen des Lebens.
    Freundlich und herzlich
    Alfred Hoffmann

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