Mein Togo – Alltagsepisoden

So, nun bin ich schon seit zwei Wochen wieder in Deutschland. Es ist schön, wieder zu Hause zu sein. Ich habe mich sehr gefreut, all die Menschen wieder zu sehen, die mir wichtig sind und zu wissen, dass ich hier wirklich „chez moi“ also bei mir bin. Und trotzdem muss ich immer und immer wieder an dort denken. Nachts träume ich von meinem Leben in Togo und beim Aufwachen muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass ich jetzt wieder in Deutschland bin. Tagsüber frage ich mich zu jedem nur möglichen Zeitpunkt, was wohl gerade an dem Ort passiert, den ich vor drei Wochen noch mein Zuhause genannt habe. Ich habe Menschen getroffen, die mir so wichtig sind, dass ich jeden einzelnen Tag an sie denke. Ich habe neue Freunde gefunden, vielleicht sogar Seelenverwandte. Aber vor allem habe ich eine zweite Heimat bekommen. Ich weiß, dass ich in Solla immer willkommen und zu Hause sein werde. Ich bin dankbar für alles, was ich erlebt, erfahren und gelernt habe und würde dieses Jahr mit niemandem auf der Welt tauschen.

Weiter unten sind ein paar Geschichten, die ich noch in Togo geschrieben habe. Sie geben nicht einmal annähernd das wieder, was Togo für mich bedeutet, aber vielleicht geben sie einen kleinen Einblick in mein Leben dort und meine Gefühle dabei.

Autofahren

Ich sitze am Lenkrad des Autos meiner Pfarrei, wir sind auf dem Rückweg von Togos Hauptstadt Lomé in unser Dorf Solla. Botengänge gehören zu meinen Aufgaben hier und ich war in Lomé, um den Pfarrer dorthin zu bringen, einiges zu erledigen und das Auto zurück zu fahren. Die Ladefläche unseres Hilux ist vollgestopft mit Kram, der aus der großen Stadt in das kleine Dorf geschafft werden muss. In die Fünfmannfahrerkabine haben wir uns zu zehnt gequetscht, darunter fünf Monate alte Zwillinge, ein zehnjähriges Mädchen und ihre Oma, die bestimmt älter als 80 ist. Die Stimmung ist ausgelassen, wir quatschen, singen, lachen, diskutieren und erzählen Geschichten. Unterwegs halten wir immer wieder bei Verwandten unserer Mitfahrer, essen gut und ich lerne so die Städte auf dem Weg kennen. Bei einem solchen Zwischenstopp betreten wir das Haus der Cousine der Frau eines unserer Mitfahrer. Wir kommen zu zehnt zu einer Familie, die nur einer von uns ein bisschen kennt. Ich sehe den gedeckten Tisch, die besten Sachen wurden für uns zusammengesucht. Ich sehe ein kleines Mädchen rennen, um uns das obligatorische „Empfangswasser“ zu bringen. Und ich sehe die ehrliche Freude bei unserer Ankunft. Mir wird wieder einmal bewusst, wie sozial und gesellig hier alles ist. Ich muss lächeln und denke mir: „Mein Togo“.

Bei einem anderen Stopp werden wir sogar in eine Cafeteria eingeladen. Es wird Reis mit Fisch serviert. Mit Messer und Gabel. Alle beginnen hungrig zu essen. Nur die Oma betrachtet erst uns, dann das Besteck, dann wieder uns. Irgendwann legt sie Messer und Gabel beiseite und isst einfach mit den Fingern wie bei ihr zu Hause. Ich muss lächeln und denke mir: „Mein Togo“.

Nach 470 Kilometern und 16 Stunden Fahrt (einige Teile der Straße lassen zu wünschen übrig) kommen wir abends um elf in Solla an. Ich schaue auf mein Handy und sehe fünf ungelesene Nachrichten. Alle wünschen mir eine gute Reise, hoffen, dass ich gut ankomme und beten für mich. Ich schließe die Augen und schlafe ein mit dem Gedanken: „Mein Togo“.

Dynamische Jugendliche?

Seit einiger Zeit bin ich Mitglied in der jungen „Assiciation des Jeunes Dynamiques de Solla“ („Verein der dynamischen Jugendlichen aus Solla“). Das Ziel ist im Großen und Ganzen die Weiterentwicklung des Dorfes. Wir wollen gegen die Jugendarbeitslosigkeit, die Landflucht, die Armut und trotz all der Probleme für den Erhalt der Kultur kämpfen. Das Projekt ist es, ein touristisches und kulturelles Zentrum in unserem Dorf Solla aufzubauen. Die Solla haben eine besondere Kultur, bestehend aus Tänzen, Zeremonien, alten Geschichten, heiligen Orten und Gerichten, an der viele andere Togolesen und auch Nicht-Togolesen interessiert sind. Nur gibt es keine Zimmer in Solla, die man mieten könnte um eine Zeitlang hier zu verbringen und auch keine wirklich gute Möglichkeit, etwas über die Kultur zu erfahren. Das Zentrum soll Touristen anziehen und so das Dorf weiterentwickeln und gleichzeitig zu Arbeit und vielleicht sogar Gewinn verhelfen. Es sollen Köche, Touristenführer und Gärtner ausgebildet werden, die sich dann um alles kümmern können. Ich habe dabei geholfen, das Projekt bei verschiedenen Organisationen vorzustellen, um finanzielle Hilfe oder gute Tipps zu bekommen. Letzte Woche ist der Präsident voller Tatendrang von Lomé, wo er zurzeit lebt nach Solla gekommen, hat für die Übergabe des Grundstücks unterschrieben und wollte eine große Versammlung mit allen Mitgliedern abhalten, um das Projekt voranzubringen. Die Versammlung war auf 14 Uhr angesetzt, 15 Uhr 30 kam das erste Mitglied. Als eine Handvoll da war, haben wir einfach angefangen. Das Fazit der Versammlung ist, dass keiner die Kraft, die Zeit und die Überzeugung hat, sich wirklich einzusetzen. Jeden Tag sitzen sie da und beschweren sich über ihre schwierige Situation, aber wer soll sie ändern, wenn nicht sie selbst? Wie soll sich das Dorf weiterentwickeln, wenn selbst die Jugendlichen zu risikoängstlich sind? Am Ende sah mich der Präsident traurig an und schüttelte den Kopf und ich dachte nur: „Ach, mein Togo“.

 

Semaine culturelle – kulturelle Woche

Gemeinsam mit dem Sozialarbeiter leite ich an der Mittelschule einen Club für Kinderrechte, in dem wir viel aufklären, über Probleme zu Hause sprechen und versuchen, die sozialen Kompetenzen auszubauen. Die Schüler, die kommen sollen zu so etwas wie Botschaftern werden. Sie reden mit den anderen Schülern und informieren uns, wenn ein Kind aus irgendeinem Grund nicht mehr in die Schule kommen kann. Wir versuchen dann, mit den Eltern zu reden und das Problem zu lösen. Mit diesem Club haben wir für die kulturelle Woche ein kleines Theaterstück eingeübt. Es ging vor allem um Toleranz gegenüber andern Berufsgruppen und Ethnien. Wie fast immer hier haben wir viel zu kurz vor der Aufführung angefangen zu proben und die Kinder, die es nicht gewöhnt sind, frei und laut vor andern zu reden, hatten einige Probleme. Am Abend der Aufführung war der Saal brechend voll. Etwas eingeschüchtert haben unsere Kinder angefangen zu spielen. Als aber die ersten Ermunterungsrufe aus dem Publikum kamen, haben sie sich immer mehr reingesteigert und ausdrucksstark gespielt. Das Ganze endete völlig anders als geplant in einem Chaos, da das Publikum sich immer wieder mit eingemischt hat, aber alle hatten ihren Spaß daran. Irgendwann saß ich nur noch lachend da und dachte: „Das ist mein Togo“.

Passiv im togolesischen Busch

Es ist Mitternacht und ich sitze mit fünf Abiklassenschülern um mich herum in einem Raum der Pfarrei und mühe mich mit deutschen Passivsätzen ab. Einer schläft schon, ein anderer erzählt einen Witz nach dem andern, um die Gedanken ein bisschen aufzulockern und ich zweifele an meinen Deutschkenntnissen, als ich es nicht hinbekomme, einen Satz mit Modalverb und doppeltem Infinitiv ins Passiv zu setzten. Schon seit Stunden sitzen wir so da und es ist nicht die erste Nacht, die wir so lange arbeiten. Das Gespräch schweift ab und wir diskutieren über das togolesische Schulsystem. Warum Schüler, von denen der Großteil keine Chance hat, irgendwann mal nach Deutschland zu kommen deutsche Grammatikaufgaben lösen müssen, die nicht einmal ein Deutscher ohne Probleme lösen kann, versteht keiner von uns. Das passende und alles aussagende Fazit unserer Diskussion findet einer der Schüler: „Nous sommes au Togo“ („Wir sind in Togo“) So ist das hier nun mal.

Mademoiselle Tchoukoutou

Das Lieblingsgetränk der Nord-Togolesen ist Tchoukoutou (gesprochen Tschukutu), ihr traditionelles Hirsebier. Es ist überall am Straßenrand zu finden und vor allem an Markttagen sitzen viele Leute um das große Gefäß voller Tchouk herum. Es gibt eine besondere Art und Weise, das Getränk zu servieren und es sind immer Frauen oder Mädchen, die das tun. Einmal ließ mich eine Frau aus dem Dorf zu sich holen. Ich rede gern mit den Leuten im Dorf über ihr Leben und werde deshalb auch manchmal geholt, um Rat zu geben oder mir einfach nur Probleme anzuhören. Die Frau erzählte mir, dass sie sehr krank sei und nicht auf den Markt gehen könne. Sie hatte aber Tchouk vorbereitet und wusste nicht, was sie jetzt damit anfangen sollte. Ich bot mich gern an, für sie zu verkaufen und schon wurde mir das Gefäß auf den Kopf geladen und ich ging auf den Markt. Besonders die alten Leute waren sehr erstaunt und wollten alle mein Tchouk kosten. Ich habe an dem Tag einen neuen Namen bekommen: Mademoiselle Tchoukoutou. Schon allein von dem Geruch den ganzen Tag lang war ich angetrunken und als ich nach dem wirbeligen Markttag nach Hause ging, dachte ich voller Stolz: „Ich bin angekommen in meinem Togo“.

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Pilgern durch Togo

In vier Tagen haben um die 80 Jugendlichen aus verschiedenen Orten und drei Pfarrer Togo von Ost nach West durchquert, von Benin nach Ghana. Los ging es in meinem Dorf Solla. Mit Rucksack auf dem Rücken, Strohhut auf dem Kopf und Wanderstock in der Hand liefen wir singend zwischen 25 und 32 Kilometern pro Tag, bis wir 120 Kilometer später in Gerin-Kouka ankamen. Abends kamen wir oft völlig erschöpft, staubig und verschwitzt im Dunkeln an. Da es an den meisten Nachtlagerplätzen keinen Strom gab, ist das mit dem Dunkeln ernst gemeint. Jeder machte sich sofort auf die Suche nach einem Eimer und ein bisschen Wasser, um sich zu „eimerduschen“. Danach konnte man sich ordentlich den Bauch vollschlagen. Da es nicht immer genug Teller gab, haben wir oft zu zweit aus einem Teller gegessen und dabei schmeckt es irgendwie noch besser. Nach dem Essen ging immer der Kampf um die Matten los. Für 80 Leute hatten wir 14 Matten. Wir haben die Matten zusammengeschoben und uns einfach irgendwo ins Freie gelegt. So hat jeder einen Schlafplatz gefunden. Am nächsten Morgen wurde schon um 5 aufgestanden und weitergelaufen. Für mich war diese Woche eine sehr wertvolle Erfahrung, das gemeinsame Laufen durch die oft unberührte Landschaft. Ich habe Togo von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Wir sind vielen Nomaden mit ihren Kuhherden begegnet, haben kleine Häuser mitten in der Savanne gesehen und große Wälder durchquert, von denen viele der Togolesen nicht einmal wussten, dass es die in Togo gibt. Ich habe gelernt, in allen Sprachen, denen wir begegnet sind, Hallo zu sagen. Auch die ständige Suche nach Wasser und das Leben in der Gemeinschaft haben mich neue Dinge entdecken lassen. Es war eine anstrengende, aber sehr schöne Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Veränderungen

Keine Nachrichten sind ja bekanntlich gute Nachrichten und genau das trifft auch in meinem Fall zu. Ich war in den letzten Wochen viel beschäftigt und viel unterwegs, sodass ich erst jetzt zum Schreiben komme. Da seit meinem letzten Bericht so viel Zeit vergangen ist, ist mir klar geworden, wie sich hier mit der Zeit alle verändert. Das Wetter verändert sich und somit auch die Natur und die Aktivitäten der Menschen. Die Vorstellung, dass es in Afrika immer heiß und trocken ist, habe ich spätestens verworfen, als ich das erste Mal klitschnass geregnet wurde und die erste Nacht vor Kälte nicht schlafen konnte. Als ich ankam war hier alles grün und wie verrückt am Wachsen. Es regnete fast jeden Tag und einige der Straßen waren durch den Schlamm unpassierbar. Bald musste ich mich des Öfteren durch hohe Maisfelder oder das grüne Savannengras schlagen, wenn ich einen etwas weniger begangenen Pfad benutzen wollte. Da sowohl Gras als auch Mais größer waren als ich, habe ich mich mehr als einmal etwas darin verlaufen. Mit der Zeit wurde alles trocken und aus grün wurde ockerfarben. Viele der Bäume verloren ihre Blätter und die Erntezeit begann. Die Regenschauer wurden kürzer und hörten ganz auf. Der Harmattan-Wind begann heiße Saharaluft anzuwehen und alles verschwand unter einer Staubschicht. Die Nächte und vor allem die Morgen wurden kalt und wer nicht unbedingt musste ging nicht vor 8 aus dem Haus. Als der meiste Mais geerntet war, begannen die Buschfeuer. Die Leute verbrannten die abgeernteten Felder und die unbestellten Grasflächen. Das wird zum einen als Schutz vor Schlangen und anderen unangenehmen kleinen Tieren gemacht und zum anderen wird so verhindert, dass in der späten Trockenzeit die Feuer unkontrollierbar werden. Zu dem Staub in der Luft mischte sich also auch noch Asche, was es unmöglich machte, sauber zu bleiben. Zu den vielen verschiedenen Ockertönen mischte sich das schwarz der verbrannten Felder. Seit einiger Zeit hat der Wind wieder aufgehört, die Nächte sind nicht mehr kalt und die große Hitzezeit hat begonnen. Wenn schon morgens 38°C im Schatten sind, ist es nicht immer einfach sich zu motivieren etwas zu machen. Viele der Menschen hier schlafen jetzt im Freien, weil es in den Zimmern zu warm ist. Dazu kommt ein anderes Problem: das Wasser ist alle. Letztes Jahr hat es nicht genug geregnet und einige Brunnen sind schon lange leer, obwohl es erst Ende Juni wieder regnen wird. Auch die Pumpen erreichen kein Wasser mehr und die Flüsse sind zu dreckig, um daraus zu trinken. Alle gehen also sehr sparsam mit dem Wasser um. Die Landschaft ist jetzt relativ karg, die Felder sind abgebrannt und es wächst erst einmal nichts Neues. Nur die riesigen Mangobäume sind noch grün und schön und werden uns bald Unmengen von Mangos liefern. Weil die Leute jetzt relativ viel Zeit haben (auf den Feldern ist nichts zu tun) wird viel gebaut. Die Straßen werden ausgebessert, Häuser werden gebaut und Brunnen gegraben.

Ich bin immer noch jeden Tag, obwohl es dort in letzter Zeit etwas problematisch geworden ist. Seit über zwei Monaten streiken die Lehrer. Das heißt, um die Schüler nicht ganz hängen zu lassen, geben sie einem Schüler ihre Aufzeichnungen und der liest das dann vor. Die Lehrer betreten aber die Klassenräume nicht. Das spiegelt sich schmerzlich in den Leistungen der Schüler wieder. Vor einer Woche gab es Zeugnisse und die sind sehr schlecht ausgefallen. Wenn das das Jahresabschlusszeugnis wäre, hätte aus der Abiturklasse kein einziger Schüler bestanden und in der Klasse darunter ein einziger von 39. Ich weiß nicht, wie das ausgehen soll.

Der lange Lehrerstreik liegt an den bevorstehenden Wahlen. Die Lehrer hoffen, dass der jetzige Präsident Faure Gnassingbé ihnen mehr Gehalt zugesteht, um sich beliebt zu machen. Seine Amtszeit ist schon seit einiger Zeit abgelaufen, aber er verschiebt die Wahlen immer weiter nach hinten. Er möchte gut vorbereitet sein. Bei dem was ich mitbekomme besteht seine Vorbereitung darin, der Bevölkerung Geschenke zu machen. In Solla wird es bald solarbetriebene Straßenlaternen geben. Die Bevölkerung hat sich heftig dagegen gewehrt. Es wird gesagt, wenn es einmal so ein Projekt gibt, wird danach gesagt werden, dass schon genug für Solla getan wurde und es keine Stromanbindung mehr gibt. Die Menschen wollen aber Strom und Licht in den Zimmern, nicht auf der Straße. Da ist nachts eh keiner. Die Meinung der Mehrheit der Bevölkerung ist also, dass das ein sinnloses Geschenk ist, um sie zu täuschen und zu beruhigen. Trotzdem sind sie es, die die Löcher dafür graben, denn ein Geschenk von der Regierung kann man nicht ablehnen.

Es werden auch Straßen gebaut und für Schulen gespendet. Das ist an sich eine gute Sache, nur sollte es die ganze Amtszeit so sein und nicht nur zwei Monate vor den Wahlen. Viereinhalb Jahre lang wurde nichts für die Bevölkerung getan und jetzt fängt der Präsident an, damit alle denken, er sollte wieder gewählt werden. Er hat die Bevölkerung die ganze Zeit hungern lassen, um sie jetzt zu füttern, damit sie ihn liebt. Das sagen zumindest viele der jungen Leute, mit denen ich darüber rede. Trotzdem werden viele hier im Norden den Präsidenten wieder wählen, weil er aus dem Norden Togos kommt. Es gibt Spannungen zwischen Nord und Süd und wenn der Präsident aus dem Süden wäre, würde er den Norden vergessen oder sich sogar an ihm rächen, weil er unter dem jetzigen Präsidenten mehr profitiert als der Süden. Politisch ist also gerade einiges los in Togo. Die Wahlen sind erst einmal für den 25.05. angesetzt, wer weiß wie es weitergeht.

Mein Weihnachten und Silvester in Solla

Weihnachten begann für mich dieses Jahr am 20. Dezember. An diesem Tag habe ich gemeinsam mit dem Sportlehrer ein Weihnachts-Fußballturnier organisiert. Acht Orte aus zwei Kantons haben Mannschaften gebildet und sind gegeneinander angetreten. Der Sinn des Turniers war es, vor Weihnachten einmal alle zu versammeln um die Feiertage einzuleiten. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass auch zwei Mädchenmannschaften gebildet werden, da die Mädchen bis jetzt immer vergessen wurden. So haben die Mädchen der Mittelschule gegen die des Gymnasiums gespielt und es war ein voller Erfolg. Da es im Gymnasium nicht genug Mädchen gibt, konnte ich sogar mitspielen. Auch wenn die Mannschaft von Solla nicht wie erwartet gewonnen hat, war es ein gelungener Tag und ich denke, es hat auch etwas zum Gemeinschaftsgefühl der Region beigetragen.

Auch in Togo ist bis zum 24. Dezember Weihnachtsvorbereitung angesagt. Alle, die sonst woanders arbeiten oder zur Schule gehen kommen zurück ins Dorf. Es wird jede Menge Essen gekocht und alles wird geschmückt. Außerdem haben sich alle, die es sich leisten können, Kleider und Anzüge schneidern lassen. Da ich in der Pfarrei wohne, habe ich viel in der Kirche geschmückt und vorbereitet. 20 Uhr begann die Messe. Eigentlich hatte ich mit einigen Kindern ein Krippenspiel vorbereitet, aber da der ganze Tag ein einziges Chaos war, haben wir es nicht geschafft, uns vorher noch einmal alle zu versammeln und so konnten wir es leider nicht aufführen. Die weihnachtliche Messe war noch ausgelassener und fröhlicher, als sonst. Das Blasorchester hat gespielt, die Trommler haben getrommelt und alle haben gesungen und getanzt. Nach der Messe ging das Fest draußen vor der Kirche weiter. Bis nach Mitternacht haben wir getanzt, bis alle hundemüde ins Bett gefallen sind. Das richtige Weihnachtsfest ist aber am 25. Dezember. Ich habe mich, mit genügend Bonbons beladen, auf den Weg durchs Dorf gemacht. Es war schön zu sehen, wie fröhlich alle an diesem Tag waren. Das eigentliche Fest in Togo ist jedoch das Essen. In jedem Haus wurden einige Hühner geschlachtet, Reis gekocht und Tchuk-Bier gebraut. Einige Personen mussten immer zu Hause bleiben, um die Gäste zu bewirten und die anderen sind von Haus zu Haus gezogen, um überall ein bisschen zu quatschen, zu essen und ihre Freude zu teilen. Nach einiger Zeit wurden die zu Hause gebliebenen abgelöst und nun konnten sie rumziehen. Das schöne ist, dass man keine Einladung braucht, um jemanden zu besuchen. Man kann einfach in seinen Hof reinspazieren und derjenige freut sich, dass man gekommen ist. Alle sind einfach nur stolz, wenn möglichst viele Menschen bei ihnen etwas gegessen und getrunken haben. Es ist Ehrensache, alle Freunde und Bekannte an zu besuchen. Ich habe an diesem Tag siebenmal Mittag gegessen, danach konnte ich einfach nicht weiteressen, auch wenn ich dazu aufgefordert wurde. Abends wurde dann die minikleine Dorfdisko geöffnet und alle Jugendlichen kommen noch einmal zusammen um zu tanzen. So geht es weiter bis Silvester, jeder Tag ist ein Fest. Am 31. Dezember gibt es wieder eine große Festmesse. Die Religion ist hier so wichtig, dass das neue Jahr auf jeden Fall in der Kirche begrüßt werden muss. Pünktlich zu Mitternacht wurden die Glocken geläutet und es gab sogar ein kleines Feuerwerk. Das neue Jahr wurde singend und tanzend begonnen. Danach sind alle damit beschäftigt, ihre Neujahrswünsche zu überbringen.

Der reichste Mann aus Solla kommt jedes Neujahr in sein Heimatdorf und lädt alle in sein riesiges Haus ein. Dort bewirtet er alle und es gibt Tanzvorführungen und viel Musik. Auch wenn das sehr großzügig ist, hatte ich dabei ein mulmiges Gefühl. Der Mann ist Millionär, aber in seinem Dorf gibt es keinen Strom und die Menschen haben nicht genug Geld, um ihre Kinder in die Schule zu schicken. Einmal im Jahr schmeißt er eine Riesenparty und verschwendet so sein Geld, ohne dass er irgendetwas zur Entwicklung seines Heimatdorfes beiträgt. Die positive Seite ist jedoch, dass keiner sagen kann, er habe am 1. Januar nicht ordentlich gefeiert.

Normalitäten in Togo

Normalität in Togo

Solla, das Dorf wo ich wohne, liegt in einer sehr ländlichen Gegend und ist von Mais-, Reis-, Jams-, Bohnen-, Sorgho- und Sojafeldern umgeben. Es ist gerade Erntezeit und alle sind auf den Feldern beschäftigt. Bei der Arbeit ist eine Hacke das einzige Hilfsmittel. Der Rest wird mit der Hand gemacht. Um nicht der Mittagssonne ausgeliefert zu sein, geht es meistens schon gegen 4 Uhr morgens los. Nach stundenlanger Arbeit wird die Ernte dann von den Frauen auf dem Kopf nach Hause transportiert um sie dort weiter zu verarbeiten. Die Wege sind oft lang und die Last ist schwer. Um alles zu transportieren müssen immer mehrere Touren gemacht werden.

Ich frage mich manchmal, wo die Menschen die Kraft hernehmen, den ganzen Tag so schwer zu arbeiten. Mir ist erst hier klargeworden, wieviel Arbeit in einer einzigen Mahlzeit steckt. Zum Beispiel für das Standartessen „pâte“ muss erst der Mais angebaut werden und das Feld muss ständig kontrolliert werden. Dann wird jeder Maiskolben per Hand geerntet und in großen Säcken und Gefäßen auf dem Kopf nach Hause getragen. Dort muss er getrocknet werden, wobei man aufpassen muss, dass die freilaufenden Hühner nicht alles auffressen. Nach dem Trocknen werden per Hand die Maiskörner vom Kolben abgemacht. Die Körner werden dann zur Mühle gebracht und mit dem Maismehl wird dann schließlich in einem großen Kessel unter ständigem Rühren die „pâte“ zubereitet, was auch eine sehr anstrengende Aufgabe ist. Dafür macht das Essen dann umso mehr Spaß.

Es gehören aber auch Dinge zur togolesischen Normalität, die für mich nicht so normal sind. Ich denke, nach drei Monaten wird es Zeit, auch etwas darüber zu schreiben, was für mich hier ungewohnt und auch etwas befremdlich sind.

Das sind vor allem die Zeremonien der verschiedenen Ethnien. Jeder muss im Laufe seines Lebens mehrere Zeremonien durchlaufen um in eine höhere Altersgruppe aufgenommen zu werden und den gebührenden Respekt zu bekommen. Viele von den Zeremonien sind geheim und es wird nicht darüber gesprochen. Nur die, die es erlebt haben, wissen, was dabei passiert. Ich persönlich kann mir sehr schwer vorstellen, was bei so einer Zeremonie passiert. Ich weiß, dass es viel mit Tänzen und Musik zu tun hat, aber auch mit Opfergaben für die Ahnen. Einige der Zeremonien sind jedoch öffentlich und man kann zuschauen. Die Ethnie der „Solla“ führt dieses Jahr leider nicht so ein Fest durch, aber ich hatte schon die Gelegenheit, eine Zeremonie eines anderen Volkes zu sehen, die man „Hiling“ nennt. Dabei geht es darum, dass die Jungen zwischen 10 und 25 Jahren ihren Mut und ihre Stärke beweisen. Jeder Teilnehmer schmückt sich mit Federn, bunten Erdnussketten, Fellen und Rasseln an den Füßen. Die Zuschauer bilden einen Kreis und trommeln und singen. Die Teilnehmer werden dann von ihrem persönlichen „Führer“ singend herumgeführt und es wird ein möglichst gleichstarker Gegner ausgesucht. Dann beginnt die Mutprobe: mit einer großen Peitsch schlägt einer der Beiden den anderen, der sich mit einem Stock schützen kann. Danach ist der andere dran, der möglichst mit der gleichen Kraft den anderen schlagen kann. Das geht so lange, bis die beiden „Führer“ einen nächsten Gegner suchen. Zwischendurch laufen immer wieder Mädchen herum, um die Teilnehmer mit Babypulver zu bestreuen. Warum konnte mir keiner so richtig erklären, das gehört einfach dazu. Das alles ist ein großes Fest und alle trinken viel von dem traditionellen Bier „Tchukutu“.

Etwas anderes, was für mich sehr ungewohnt ist, ist der Glaube an Hexen, Geister und Magier. Wenn jemand krank ist, geht er nicht ins Krankenhaus, sondern zu einem traditionelle Heiler, der dann so etwas wir unsichtbare vergiftete Schlangen im Bauch diagnostiziert, die ein Feind der Familie da hineingezaubert hat. Vor allem wird daran geglaubt, dass viele ihre übernatürlichen Kräfte benutzen, um Böses zu tun. Wenn ein junger Mensch stirbt wird oft nach demjenigen gesucht, der ihn mit seinen Kräften getötet hat. Um das herauszubekommen gibt es Hellseher. Der kann dann auch irgendwelche Produkte oder Zauber vorschlagen, mit deren Hilfe man sich dann rächen kann. Mir werden auch immer wieder Geschichten von solchen Zaubern erzählt. Ein Mädchen soll sich angeblich wegen einem Liebestrank von ihren Freund getrennt und einen anderen Mann geheiratet haben, den sie vorher gehasst hat. Nachdem die Wirkung nachgelassen hatte, hat sie ihn wieder verlassen. Eine andere Geschichte ist, dass ein Dieb auf frischer Tat ertappt wurde. Als die Polizei ihn umzingelt hatte um ihn festzunehmen, hat er sich in Luft aufgelöst und ist kurz danach in einer anderen Stadt wieder aufgetaucht. Es soll angeblich auch Menschen geben, die magische Schlangen besitzen, die einmal im Monat einen Menschen fressen müssen, sonst zerstören sie die ganze Familie ihres Besitzers. Ich bin immer wieder überrascht, dass fast alle daran glauben und viele erzählen, dass sie so etwas mit eigenen Augen gesehen haben. Sie sagen, ich kann das nicht verstehen, weil den „Weißen“ das Gespür für solche Kräfte und Zusammenhänge fehlt. Natürlich sind es längst nicht alle, die so stark daran glauben und die Zauber durchführen. Vor allem die Jüngeren zweifeln viel an den traditionellen Heil- und Rachemethoden. Ein Student hat mir letztens gesagt: „In Afrika wird viel zu viel geglaubt. Man verschwendet seine Zeit, um irgendwelche eingebildeten Geister abzuwehren, anstatt etwas Sinnvolles zu machen. Aber das ist einfach unsere Kultur“. Ich bitte auch darum, meine Beschreibung nicht für die absolute Wahrheit zu nehmen. Dadurch, dass ich „weiß“ bin und auch noch mit zwei Pfarrern zusammenlebe, bekomme ich von all dem nicht sehr viel mit. Aber das, was mir erzählt wird, überrascht mich immer wieder. Wenn ich sage, dass es in Europa keine Hexen gibt, wird mir immer wieder widersprochen. Die Menschen hier erklären den Unterschied so: in Afrika werden die Kräfte dafür genutzt, anderen Schaden zuzufügen. In Europa werden die Kräfte für die Weiterentwicklung der Wissenschaft und der Technik genutzt. Wie sonst schaffen es die „Weißen“, so viele geniale Dinge zu entwickeln und zu entdecken, die es vorher noch nicht gab? Wie soll jemand herausgefunden haben, wie man mit elektrischem Strom Licht erzeugen kann, wenn nicht mit einem bestimmten Hellseherblick?

Es gibt hier in der Gegend giftige Schlangen und Skorpione. Um sich davor zu schützen, werden nach der Ernte die Felder abgebrannt und vor allem das mannshohe Savannengras wird verbrannt, um neue Ackerfläche zu bekommen und sich besser vor den Tieren zu schützen. Das Dorf Solla liegt am Fuße einer Bergkette und gestern Abend wurde ein Feld auf dem Berg angezündet. Weil man das Feuer aber so schlecht kontrollieren kann, stand nach einer Weile der ganze Berg in Flammen und es sah aus, als wäre ein Vulkan ausgebrochen. Es war gleichzeitig faszinierend und beängstigend.

In solchen Momente, die hier zum Alltag gehören, fühle ich mich auch nach über drei Monaten noch sehr fremd. In anderen Momenten aber fühle ich mich, als würde ich schon immer hier leben. Wenn ich morgens mit dem Fahrrad zur Schule fahre oder Freunde besuchen gehe, denke ich mir manchmal, dass ich hier wirklich angekommen bin. Ich habe sogar einen Namen auf Solla: „Uyɔbɛ kpére sɔnɛ“. Das heißt so viel wie: hübsches Mädchen, dass in Solla wohnt. Ich hab eine ganze Weile gebraucht, um mir das merken zu können, aber ich freue mich immer, wenn mich jemand so anspricht.

Ich bin schon gespannt, wie hier Weihnachten und Silvester gefeiert wird und ich werde auf jeden Fall davon berichten.

 

 

Mein Leben in Solla

Bald zwei Monate bin ich jetzt schon in Solla und es wird mal wieder höchste Zeit, dass ich von mir hören lasse. Ich wohne hier in der Pfarrei mit dem Vikar Bernard und der Köchin Joséphine zusammen, der Pfarrer Ronald Kudla ist noch in Deutschland unterwegs und wird in einer Woche zurück nach Togo kommen. Ich werde versuchen, ein bisschen meinen Tagesablauf zu beschreiben, weil ich viel danach gefragwurde. Morgens stehe ich gegen um 6 auf und freue mich darüber ein Bad und eine richtige Dusche zu haben. Alle anderen im Dorf haben einen abgetrennten Bereich auf dem Hof und einen Eimer um sich zu duschen. Das Wasser muss jedes Mal erst vom Brunnen geholt werden. Das hält sie aber nicht davon ab, sich mindestens dreimal täglich zu duschen. Nach jeder Aktivität wie auf dem Feld arbeiten oder auf den Markt gehen oder zur Schule gehen wird erst einmal eine Eimerdusche genommen. Zum Frühstück gibt es bei uns Brot oder „la bouille“, was so ähnlich wie flüssiger Milchreis ist. Es werden hier aber auch oft Reis oder Bohnen zum Frühstück gegessen, um gestärkt für den Tag zu sein. Danach geht jeder seinen Aktivitäten nach. Für mich ist das meistens mit dem Fahrrad zur Schule fahren und Deutschunterricht geben. Für den Weg muss ich immer etwas mehr Zeit einplanen, weil mit jeder Person, die ich treffe, ein bisschen geplaudert wird. Nach dem Mittagessen wird immer eine Mittagsruhe gemacht und danach habe ich auch oft noch Unterricht. Ansonsten findet sich immer etwas zu tun oder jemand zum Reden. Gegen Abend helfe ich oft in der Küche. Es gibt entweder Reis, Nudeln oder eins der beiden togolesischen Grundnahrungsmitteln: „la patte“ (fester Maisbrei) oder „Fufu“ (gestampfter Jams). Das Jams-stampfen ist immer harte Arbeit. Ungefähr 20 Minuten lang werden die gekochten Jamsstücke von zwei Personen mit vollem Körpereinsatz gestampft. Ich bin immer schon nach 5 Minuten geschafft und habe Blasen an den Händen. Die Gerichte werden teils auf dem Gasherd und teils auf dem Feuer zubereitet und die Wäsche muss mit der Hand gewaschen werden. Es wird einfach mit den Händen und ohne Maschinen gemacht. Das klint vielleicht alles sehr fremd, aber für mich ist es schon lange zur Normalität geworden und es fühl sich an, als wäre ich schon immer hier. Jeden Dienstag ist in Solla Markttag und bis in die Nacht hinein werden alle möglichen Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Schmuck und natürlich das traditionelle Tchouk-Bier verkauft. Besonders nach 18 Uhr, wenn die Sonne untergegangen ist, ist das sehr spannend. Der Markt wird dann vom Mond und von sehr vielen Taschenlampen beleuchtet. Die Wochenenden sind immer sehr gesellig. Viele Jugendliche kommen zur Pfarrei um sich dort zu treffen und ich bin nie allein. Wir sitzen beisammen und es wird viel geredet und gelacht.

Mit der Zeit wird mir aber auch immer klarer, wie arm die Gegend hier eigentlich ist. Das wird besonders am Beispiel der Schule deutlich. Ich unterrichte an einem Lycée, also die drei Klassen vor dem Abitur. Es gibt kein richtiges Gebäude, sondern drei Baracken zwischen Maisfeldern, für jede Klasse eine. Die Schüler werden also von allem was rundherum passiert abgelenkt. Wenn es ein bisschen windig ist, fliegen die Hefte weg und das Wellblechdach knarrt. Letzte Woche wurde das abgeerntete Maisfeld nebenan abgebrannt um ein neues Feld zu machen und der ganze Qualm ist in die Klassenzimmer geweht. Die meisten Schüler haben das Schulgeld noch nicht bezahlt und haben von dem Direktor einen Aufschub bekommen. Sie haben die ganzen Ferien gearbeitet um weiter in die Schule gehen zu können, aber es ist immer noch zu teuer. Die Abiturklasse muss über 30 000 FCFA bezahlen. Zum Vergleich: für 300 kann man sich auf dem Markt gut satt essen. Da ist es klar, dass das Geld nicht auch noch für Bücher reicht. Es sind noch nicht einmal für alle Fächer Lehrer da, weil kein Geld da ist um sie zu bezahlen. Und in der Abiturprüfung müssen die Schüler genauso die alle Daten des Zweiten Weltkriegs auswendig können wie ein deutscher Schüler. All diese Probleme machen sich in der Größe der Klassen bemerkbar. In der Seconde (2 Jahre vor dem Abi) sind über 50 Schüler (12 Mädchen). In der Première (1 Jahr vor dem Abi) sind nur noch 38 Schüler (davon 6 Mädchen) und in der Abiturklasse sind 23 Jungen und 3 Mädchen. Den Umständen zum Trotz haben die Schüler eine unglaubliche Lust zu lernen. Wenn ich eine Frage stelle kann ich mich gar nicht vor Antworten retten und lange Wiederholungen sind unnötig, da alle zu Hause schon wiederholt und geübt haben. In den ersten zwei Schulwochen gab es noch keinen Deutschlehrer und ich musste mich allein irgendwie in diesen Umständen zurechtfinden. Noch dazu hatte ich keine Ahnung, was ich unterrichte sollte, weil ich keinen Lehrplan hatte. Zum Glück ist jetzt ein Aushilfslehrer für Deutsch da, mit dem ich gemeinsam unterrichten kann.

Ab und zu kommen Leute auf mich zu und fragen, ob ich ihnen nicht ein bisschen Geld geben kann. Sie müssen das Schulgeld oder Bücher oder Medikamente bezahlen. Ich kenne alle die mich fragen relativ gut und weiß, dass sie keine Eltern haben die sie unterstützen und dass sie viel gearbeitet haben, aber das Geld reicht trotzdem nicht aus. Ich schaffe es meistens nicht, nein zu sagen, obwohl ich auf keinen Fall den weißen Geldautomat spielen will. Es ist nicht einfach, mit solchen Situationen umzugehen und ich selbst leide darunter, wenn ich sehe, dass die Schüler mittags nichts essen um das Geld zu sparen. Ich werde auch immer wieder gefragt, ob ich nicht jemanden in Deutschland kenne, der in irgendeiner Weise Kontakt mit jemandem hier aufnehmen möchte. Manche Schüler möchten nur einen deutschen Brieffreund haben, um die Sprache zu üben und sich auszutauschen. Andere wünschen sich eine Patenfamilie, die sie vor allem am Anfang jedes Schuljahres oder im Krankheitsfall finanziell etwas unterstützen könnte. Wieder andere brauchen einfach nur eine einmalige Unterstützung, um ihr eigenes Gewerbe, so wie einen Imbiss oder eine Schneiderwerkstatt, aufbauen zu können. Falls ein Leser dieses Beitrags sich so etwas vorstellen könnte, würde ich mich über eine Nachricht freuen.

Ich arbeite auch mit dem Sozialarbeiter des Kantons zusammen und unterstütze ihn bei einigen Aktivitäten. Wir haben z.B. gemeinsam Lebensmittelkarten für Mütter von unterernährten Kindern in den umliegenden Dörfern verteilt. Mit diesen Karten haben die Frauen die Möglichkeit, von der Regierung bereitgestelltes Geld zu bekommen um ihren Kindern eine gute Mahlzeit bezahlen zu können. Theoretisch klingt das sehr gut, aber praktisch gibt es doch einige Probleme. Die Dörfer sind sehr abgelegen und weitläufig. Es führen nur zugewachsene Trampelpfade zu den einzelnen Häusern. Viele von den Frauen waren nicht informiert oder haben die Wichtigkeit nicht verstanden und wir konnten ihnen die Karten nicht übergeben. Einige sind auch nach Nigeria ausgewandert um dort zu arbeiten. Es wird versprochen, dass sie dort mehr Geld verdienen, aber oft werden sie ausgenbeutet und vor allem für die Kinder sind die Lebensbedingungen sehr schlecht. Die zehn anwesenden Mütter wurden aufgefordert, den Empfang der Karte mit einer Unterschrift zu bestätigen. Es konnte nur eine Einzige schreiben und die hat sich geweigert, weil sie vergessen hat, wie es geht. Die Menschen in diesen Dörfern leben doch sehr anders als die in den Städten. Außerdem helfe ich dem Sozialarbeiter dabei, eine Diskussionsrunde zu organisieren. Es soll um die Rolle von Mädchen und Frauen in den Bereichen der Wissenschaft und Technologie gehen. Es werden Schülerinnen, Lehrer, Soziologen, traditionelle Chefs und Repräsentanten der Regierung eingeladen. Aber auch so diskutiere ich oft mit den jungen Leuten über Themen wie die Entwicklung Afrikas oder den Ausgleich zwischen den alten Traditionen und dem Fortschritt. So schaffe ich es immer besser, das Leben in Togo kennenzulernen und zu verstehen und ich hoffe, dass es das ganze Jahr lang so interessant weitergeht.

Erste Eindrücke

Endlich habe ich es geschafft, in ein Internetcafé zu kommen und kann jetzt ein bisschen berichten, wie es mir geht. Ich weiß gar nicht womit ich anfangen soll. Es ist alles so anders hier und doch so normal. Ich könnte so vieles schreiben und trotzdem könnte ich nicht deutlich machen, was ich hier alles erlebe. Ich werde einfach einige meiner Erlebnisse erzählen und hoffe, dass allen Lesern bewusst ist, dass es sich dabei um eine vorläufige und subjektive Wahrnehmung handelt und keinesfalls um ein authentisches Bild von Togo und seinen Bewohnern. Um das einschätzen zu können, bin ich erst viel zu kurz hier.

Meine erste Woche in Togo habe ich in der Hauptstadt Lomé verbracht. Ich bin sehr froh, dass ich dort nicht allein war, sondern mich an zwei ehemalige Freiwillige und einen togolesischen Mentor halten konnte. Ich habe schon einige Tage gebraucht, um mich erst einmal an den Verkehr und die Fortbewegung zu gewöhnen. Es gibt in Lomé einige asphaltierte Straßen, aber sobald man aus dem Zentrum raus und von der Hauptstraße runter kommt, gibt es nur noch Straßen aus festgetretener roter Erde. Da gerade Regenzeit ist, wurde es auf diesen Wegen ziemlich schlammig und man musste danach erst einmal samt Schuhen duschen. Aber auch auf den großen Straßen ist das Fortbewegen abenteuerlich. Es gibt Taxis, die Leute vom Straßenrand einladen, egal ob noch Platz ist oder nicht. Und es gibt sehr viele Motorräder, die wie Taxis funktionieren. Vor dem Aufsteigen wird der Preis verhandelt und dann geht die Fahrt los. Das kann für Europäer ganz schön chaotisch aussehen, da es keine Straßenschilder und nur wenige Ampeln gibt, von denen noch weniger beachtet werden. Wer am schnellsten ist oder wer am lautesten hupt hat Vorfahrt. Erstaunlicherweise funktioniert das ziemlich gut. Ich habe bis jetzt keinen Unfall gesehen und habe mich hinten auf den Motorrädern eigentlich immer sicher gefühlt. An den Straßenrändern wird alles möglich verkauft, wie Essen, Schuhe Autoreifen, Sofas, … Es ist wirklich spannend, das ganze Essen auszuprobieren. Ich habe schon eine Kokosnuss ausgeschlürft, an einer Stange Zuckerrohr geknabbert und alles Mögliche andere gegessen, wovon ich den Namen schon wieder vergessen hab.

Selbst für die Menschen in der Hauptstadt ist es noch ungewöhnlich, einen Weißen zu sehen. Die Kinder freuen sich fast immer. Sie springen hin und her und rufen: „Yovo, yovo, bonsoir“ (Weißer, Weißer, guten Abend). Wenn man dann aber näher kommt, wird es den meisten unheimlich und sie laufen weg. Einmal wurde ich gefragt, ob ich eine Chinesin bin. Die Kinder sehen einfach nur, dass ich anders aussehe als sie und finden das lustig. Man muss sich aber erst einmal daran gewöhnen, immer sofort aufzufallen, egal wo man ist. Das Positive daran ist, dass man von vielen angesprochen wird und schnell ins Gespräch kommt.

Mir ist auch noch aufgefallen, dass alle Menschen hier unglaublich hilfsbereit sind. Sobald ich auch nur ein kleines Problem habe, kommen von allen Seiten Leute, die mir helfen wollen. Und das ist nicht nur so, weil ich ein weißes Mädchen bin. Es ist wirklich so, dass jeder entfernte Bekannte sofort zur Stelle ist, sobald er helfen kann. Eine junge Frau hat mir dazu erklärt: „Wenn man zu allen Menschen freundlich sein kann, warum sollte man es dann nicht tun?“

Vor ungefähr anderthalb Woche bin ich dann in Solla angekommen, dem Ort, an dem ich ab jetzt ein Jahr verbringen werde. Es ist ein ziemlich langgezogenes Dorf mit ca. 2000 Einwohnern. Zwischen den Häusern sind aber immer wieder große Mais- und Jamsfelder, sodass nur im Zentrum die Häuser dicht beieinander stehen. Auf den Straßen und am Straßenrand sieht man viele Kinder, Hühner und Ziegen. Es fahren sehr wenige Autos. Wenn man aus dem Dorf aus muss, fährt man mit den Motorrad. In der Mitte des Dorfes ist der große Marktplatz, auf dem jeden Dienstag alles Mögliche verkauft wird, vor allem Essen und Kleidung. Es ist noch einmal ganz anders als Lomé und ich bin sehr froh darüber, in einem Dorf zu leben. Schon als ich ankam, wurde ich von vielen Leuten empfangen, die sich alle gefreut haben, dass ich komme. Da ich gleich am nächsten Tag in der Kirche vorgestellt wurde, kennen mich schon viele Leute. Wenn ich durch die Straßen laufe, ruft immer irgendwer von der Seite meinen Namen und fragt, wie es mir geht. Oft kenne ich die Personen selbst noch nicht und sie freuen sich, dass sie sich endlich persönlich bei mir vorstellen können. Auch sonst ist es hier einfach für mich, Menschen zu treffen und mit ihnen zu reden. Ich wohne in einer Pfarrei und den ganzen Tag über sind Leute da, mit denen ich etwas unternehmen kann. Ich werde überall herumgeführt und von allen immer wieder eingeladen, ihr Haus und ihre Familie kennenzulernen.

Nach Solla führt keine befestigte Straße, es ist nicht an das Stromnetz angeschlossen und das Wasser fließt nur manchmal und auch nicht für alle. Die Menschen sind es so gewöhnt, aber die Jüngeren sehen das als großes Problem, das den Fortschritt im Dorf verhindert. Ich lerne den deutschen Luxus zu schätzen und merke aber gleichzeitig auch, dass man auch gut ohne Strom und Internet leben kann.

Es ist nicht einfach, in einem kleinen Dorf in einem anderen Land mit gleich mehreren fremden Sprachen seinen Platz zu finden. Im Moment bin ich noch dabei, alles kennenzulernen, mir die ganzen Namen zu merken und die Familienverhältnisse zu verstehen. Ich habe auch schon angefangen, die lokale Sprache Solla zu lernen, was aber ziemlich schwierig ist. Außerdem werden hier auch noch mindestens zwei andere Sprachen gesprochen, weil sich die Ethnien mit der Zeit gemischt haben. Zum Glück können alle mindestens ein bisschen Französisch sprechen.

Ich freue mich schon darauf, mit der Arbeit in der Schule anzufangen und mit meinen eigenen Projekten zu beginnen. Es ist nur noch nicht ganz klar, wann das sein wird, weil die Lehrer in ganz Togo streiken. Außerdem hat das lycée (Schule für die drei letzten Jahre vor dem Abi) hier in Solla nur ein Dach aus trockenen Palmblättern und es kann nur unterrichtet werden, wenn die Regenzeit vorbei ist. Regenzeit heißt, dass es ab und zu regnet, also ein- bis zweimal am Tag und das richtig stark. Die Togolesen frieren nach den Regenschauern immer, ich freue mich über die Abkühlung.

Es geht mir also sehr gut und ich freue mich auf das, was noch auf mich zukomen wird.

Aufregung pur!

So, noch viermal schlafen, dann ist es soweit: mein Jahr in Togo beginnt. Die ganzen Sorgen und Ängste sind verflogen und ich bin einfach nur noch voller Vorfreude. Ich bin bereit, es mit der großen weiten Welt aufzunehmen und über mich hinauszuwachsen.