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paroisse „St. Augustin“ de Solla
B.P. 76, Pagouda (Binah)
TOGO

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Mein Togo – Alltagsepisoden

So, nun bin ich schon seit zwei Wochen wieder in Deutschland. Es ist schön, wieder zu Hause zu sein. Ich habe mich sehr gefreut, all die Menschen wieder zu sehen, die mir wichtig sind und zu wissen, dass ich hier wirklich „chez moi“ also bei mir bin. Und trotzdem muss ich immer und immer wieder an dort denken. Nachts träume ich von meinem Leben in Togo und beim Aufwachen muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass ich jetzt wieder in Deutschland bin. Tagsüber frage ich mich zu jedem nur möglichen Zeitpunkt, was wohl gerade an dem Ort passiert, den ich vor drei Wochen noch mein Zuhause genannt habe. Ich habe Menschen getroffen, die mir so wichtig sind, dass ich jeden einzelnen Tag an sie denke. Ich habe neue Freunde gefunden, vielleicht sogar Seelenverwandte. Aber vor allem habe ich eine zweite Heimat bekommen. Ich weiß, dass ich in Solla immer willkommen und zu Hause sein werde. Ich bin dankbar für alles, was ich erlebt, erfahren und gelernt habe und würde dieses Jahr mit niemandem auf der Welt tauschen.

Weiter unten sind ein paar Geschichten, die ich noch in Togo geschrieben habe. Sie geben nicht einmal annähernd das wieder, was Togo für mich bedeutet, aber vielleicht geben sie einen kleinen Einblick in mein Leben dort und meine Gefühle dabei.

Autofahren

Ich sitze am Lenkrad des Autos meiner Pfarrei, wir sind auf dem Rückweg von Togos Hauptstadt Lomé in unser Dorf Solla. Botengänge gehören zu meinen Aufgaben hier und ich war in Lomé, um den Pfarrer dorthin zu bringen, einiges zu erledigen und das Auto zurück zu fahren. Die Ladefläche unseres Hilux ist vollgestopft mit Kram, der aus der großen Stadt in das kleine Dorf geschafft werden muss. In die Fünfmannfahrerkabine haben wir uns zu zehnt gequetscht, darunter fünf Monate alte Zwillinge, ein zehnjähriges Mädchen und ihre Oma, die bestimmt älter als 80 ist. Die Stimmung ist ausgelassen, wir quatschen, singen, lachen, diskutieren und erzählen Geschichten. Unterwegs halten wir immer wieder bei Verwandten unserer Mitfahrer, essen gut und ich lerne so die Städte auf dem Weg kennen. Bei einem solchen Zwischenstopp betreten wir das Haus der Cousine der Frau eines unserer Mitfahrer. Wir kommen zu zehnt zu einer Familie, die nur einer von uns ein bisschen kennt. Ich sehe den gedeckten Tisch, die besten Sachen wurden für uns zusammengesucht. Ich sehe ein kleines Mädchen rennen, um uns das obligatorische „Empfangswasser“ zu bringen. Und ich sehe die ehrliche Freude bei unserer Ankunft. Mir wird wieder einmal bewusst, wie sozial und gesellig hier alles ist. Ich muss lächeln und denke mir: „Mein Togo“.

Bei einem anderen Stopp werden wir sogar in eine Cafeteria eingeladen. Es wird Reis mit Fisch serviert. Mit Messer und Gabel. Alle beginnen hungrig zu essen. Nur die Oma betrachtet erst uns, dann das Besteck, dann wieder uns. Irgendwann legt sie Messer und Gabel beiseite und isst einfach mit den Fingern wie bei ihr zu Hause. Ich muss lächeln und denke mir: „Mein Togo“.

Nach 470 Kilometern und 16 Stunden Fahrt (einige Teile der Straße lassen zu wünschen übrig) kommen wir abends um elf in Solla an. Ich schaue auf mein Handy und sehe fünf ungelesene Nachrichten. Alle wünschen mir eine gute Reise, hoffen, dass ich gut ankomme und beten für mich. Ich schließe die Augen und schlafe ein mit dem Gedanken: „Mein Togo“.

Dynamische Jugendliche?

Seit einiger Zeit bin ich Mitglied in der jungen „Assiciation des Jeunes Dynamiques de Solla“ („Verein der dynamischen Jugendlichen aus Solla“). Das Ziel ist im Großen und Ganzen die Weiterentwicklung des Dorfes. Wir wollen gegen die Jugendarbeitslosigkeit, die Landflucht, die Armut und trotz all der Probleme für den Erhalt der Kultur kämpfen. Das Projekt ist es, ein touristisches und kulturelles Zentrum in unserem Dorf Solla aufzubauen. Die Solla haben eine besondere Kultur, bestehend aus Tänzen, Zeremonien, alten Geschichten, heiligen Orten und Gerichten, an der viele andere Togolesen und auch Nicht-Togolesen interessiert sind. Nur gibt es keine Zimmer in Solla, die man mieten könnte um eine Zeitlang hier zu verbringen und auch keine wirklich gute Möglichkeit, etwas über die Kultur zu erfahren. Das Zentrum soll Touristen anziehen und so das Dorf weiterentwickeln und gleichzeitig zu Arbeit und vielleicht sogar Gewinn verhelfen. Es sollen Köche, Touristenführer und Gärtner ausgebildet werden, die sich dann um alles kümmern können. Ich habe dabei geholfen, das Projekt bei verschiedenen Organisationen vorzustellen, um finanzielle Hilfe oder gute Tipps zu bekommen. Letzte Woche ist der Präsident voller Tatendrang von Lomé, wo er zurzeit lebt nach Solla gekommen, hat für die Übergabe des Grundstücks unterschrieben und wollte eine große Versammlung mit allen Mitgliedern abhalten, um das Projekt voranzubringen. Die Versammlung war auf 14 Uhr angesetzt, 15 Uhr 30 kam das erste Mitglied. Als eine Handvoll da war, haben wir einfach angefangen. Das Fazit der Versammlung ist, dass keiner die Kraft, die Zeit und die Überzeugung hat, sich wirklich einzusetzen. Jeden Tag sitzen sie da und beschweren sich über ihre schwierige Situation, aber wer soll sie ändern, wenn nicht sie selbst? Wie soll sich das Dorf weiterentwickeln, wenn selbst die Jugendlichen zu risikoängstlich sind? Am Ende sah mich der Präsident traurig an und schüttelte den Kopf und ich dachte nur: „Ach, mein Togo“.

 

Semaine culturelle – kulturelle Woche

Gemeinsam mit dem Sozialarbeiter leite ich an der Mittelschule einen Club für Kinderrechte, in dem wir viel aufklären, über Probleme zu Hause sprechen und versuchen, die sozialen Kompetenzen auszubauen. Die Schüler, die kommen sollen zu so etwas wie Botschaftern werden. Sie reden mit den anderen Schülern und informieren uns, wenn ein Kind aus irgendeinem Grund nicht mehr in die Schule kommen kann. Wir versuchen dann, mit den Eltern zu reden und das Problem zu lösen. Mit diesem Club haben wir für die kulturelle Woche ein kleines Theaterstück eingeübt. Es ging vor allem um Toleranz gegenüber andern Berufsgruppen und Ethnien. Wie fast immer hier haben wir viel zu kurz vor der Aufführung angefangen zu proben und die Kinder, die es nicht gewöhnt sind, frei und laut vor andern zu reden, hatten einige Probleme. Am Abend der Aufführung war der Saal brechend voll. Etwas eingeschüchtert haben unsere Kinder angefangen zu spielen. Als aber die ersten Ermunterungsrufe aus dem Publikum kamen, haben sie sich immer mehr reingesteigert und ausdrucksstark gespielt. Das Ganze endete völlig anders als geplant in einem Chaos, da das Publikum sich immer wieder mit eingemischt hat, aber alle hatten ihren Spaß daran. Irgendwann saß ich nur noch lachend da und dachte: „Das ist mein Togo“.

Passiv im togolesischen Busch

Es ist Mitternacht und ich sitze mit fünf Abiklassenschülern um mich herum in einem Raum der Pfarrei und mühe mich mit deutschen Passivsätzen ab. Einer schläft schon, ein anderer erzählt einen Witz nach dem andern, um die Gedanken ein bisschen aufzulockern und ich zweifele an meinen Deutschkenntnissen, als ich es nicht hinbekomme, einen Satz mit Modalverb und doppeltem Infinitiv ins Passiv zu setzten. Schon seit Stunden sitzen wir so da und es ist nicht die erste Nacht, die wir so lange arbeiten. Das Gespräch schweift ab und wir diskutieren über das togolesische Schulsystem. Warum Schüler, von denen der Großteil keine Chance hat, irgendwann mal nach Deutschland zu kommen deutsche Grammatikaufgaben lösen müssen, die nicht einmal ein Deutscher ohne Probleme lösen kann, versteht keiner von uns. Das passende und alles aussagende Fazit unserer Diskussion findet einer der Schüler: „Nous sommes au Togo“ („Wir sind in Togo“) So ist das hier nun mal.

Mademoiselle Tchoukoutou

Das Lieblingsgetränk der Nord-Togolesen ist Tchoukoutou (gesprochen Tschukutu), ihr traditionelles Hirsebier. Es ist überall am Straßenrand zu finden und vor allem an Markttagen sitzen viele Leute um das große Gefäß voller Tchouk herum. Es gibt eine besondere Art und Weise, das Getränk zu servieren und es sind immer Frauen oder Mädchen, die das tun. Einmal ließ mich eine Frau aus dem Dorf zu sich holen. Ich rede gern mit den Leuten im Dorf über ihr Leben und werde deshalb auch manchmal geholt, um Rat zu geben oder mir einfach nur Probleme anzuhören. Die Frau erzählte mir, dass sie sehr krank sei und nicht auf den Markt gehen könne. Sie hatte aber Tchouk vorbereitet und wusste nicht, was sie jetzt damit anfangen sollte. Ich bot mich gern an, für sie zu verkaufen und schon wurde mir das Gefäß auf den Kopf geladen und ich ging auf den Markt. Besonders die alten Leute waren sehr erstaunt und wollten alle mein Tchouk kosten. Ich habe an dem Tag einen neuen Namen bekommen: Mademoiselle Tchoukoutou. Schon allein von dem Geruch den ganzen Tag lang war ich angetrunken und als ich nach dem wirbeligen Markttag nach Hause ging, dachte ich voller Stolz: „Ich bin angekommen in meinem Togo“.

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